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Westfälische Auswanderer in die jungen USA

Germans welcome: Einwandererkiez in New York um 1900

Wir sind dann mal weg...

Texas-Büsten, Turnvereine & der böse Bernard:
Die Geschichte westfälischer Auswanderer in die jungen USA

In Kooperation mit der Arbeitsstelle für Deutsch-Amerikanische Bildungsgeschichte der Uni Münster erforschte und dokumentierte das Industriemuseum des LWL in Henrichenburg 200 Jahre Auswanderung aus Westfalen nach Amerika. Eine spannende Spurensuche...

Elendsloch Westfalen

Sieben Millionen Deutsche emigrierten von 1815 bis zum Ersten Weltkrieg in die USA, darunter rund 300.000 aus Westfalen. Die Gründe waren vielfältig: Ab Anfang des 19. Jahrhunderts wandelte sich Deutschland vom Agrarland zur Industrienation. In der Folge wuchs die Bevölkerung von 20 Millionen auf das Dreifache.

In Westfalen wurden Bauernhöfe oft nur an einen einzigen Nachkommen vererbt. Die, die nichts erbten, fanden oftmals keine Arbeit. Mittellose Kötter und Pächter hatten keine Chance, jemals eigenes Land zu erwerben. Zudem kam es 1815 und 1845 zu katastrophalen Getreide-Missernten durch zu nasse Sommer. 1845 trat dazu noch die Kartoffelfäule auf. Durch die Vernichtung der Kartoffelernte fehlten im Folgejahr auch die Pflanzkartoffeln. In der Chronik der ostwestfälischen Stadt Bünde heißt es: „Ebenfalls war die Flachsernte ungenügend, wodurch der sich sonst ergebende geringe Verdienst noch herabgedrückt wurde. Not und Arbeitslosigkeit stiegen daher von Tage zu Tage, die Bettelei wuchs fortwährend und die Vergehen gegen das Eigentum häuften sich in erschreckendem Maße.“

Schnell weg hier!

Hinzu kam noch, dass die billigere und leichter zu verarbeitende Baumwolle aus den USA zu einer ernsten Konkurrenz der westfälischen Leinenspinnereien wurde. Die Industrialisierung machte durch mechanische Fabrikation viele tausend Heimarbeiter arbeitslos. Noch ein Grund: 1848 brach die nationalliberale Revolution aus, die für nationale Einigung statt Fürsten-Privilegien und für ein liberales Presserecht auf die Barrikaden ging. Nachdem König und Fürsten die Revolution zurückrollten, fielen viele der studentischen Aktivisten politischer Verfolgung anheim. Sie verließen lieber die Heimat, als Kerkerhaft oder Schlimmeres zu erleiden.

Schöne Mädchens...

Kein Wunder also, dass ab 1830 zahllose „Auswanderungs-Agenten“ übers Land zogen, die von Schiffseignern oder Kaufleuten in den Hafenstädten eine Kopfgebühr pro Passagier kassierten. Diese überboten sich mit Versprechungen einer goldenen Zukunft in den USA. Auch schon zuvor ausgewanderte Verwandte und Nachbarn berichteten in Briefen die tollsten Wunderdinge über das paradiesische Leben in Amerika. Ein Hiergebliebener fragte brieflich an: „Schreib’ mir doch mal, ob da auch schöne Mädchens sind!“

Teuer & gefährlich

Trotzdem war die Auswanderung ein hohes Risiko: Die Überfahrt kostete ein Vermögen, so dass für den Start in das neue Leben kaum Mittel übrigblieben. Die meisten Auswanderer hatten ihre Dorfgemeinde noch nie verlassen, geschweige denn, das Meer gesehen. Selbst wer schnell auf ein Schiff kam, musste oft noch tagelang warten, weil Wind und Wetter das Ablegen verzögerten. Dann mussten sie für einen Monat in einem Zwischendeck mit hunderten anderer Emigranten ausharren. Das Risiko, sich bei den haarsträubenden Hygieneverhältnissen mit Krankheiten wie Typhus anzustecken, war hoch. Noch höher war das Risiko, zu ertrinken, wenn es zu einem Schiffsunglück kam. 1858 sank das Dampfsegelschiff Austria auf der Fahrt von Hamburg nach New York - von 538 Passagieren überlebten nur 89.

Der böse Bernard

Rund ein Drittel der Auswanderer waren übrigens Illegale, z.B. Deserteure, Alimenteflüchtlinge oder Kriminelle - so wie der Weber Bernard Eynck, der einen Passanten ermordete und tönte, er wolle nach Amerika auswandern und sich nun dort endgültig „ans Morden und Totschlagen begeben“. Gut die Hälfte aller Auswanderer war unter 20 Jahre alt. Ein Emigrant schrieb nach Hause: „Es wäre für viele Burschen besser, wenn sie in Deutschland blieben, denn dann würden sie nicht auf die schiefe Bahn kommen.“

Wohl auch deshalb, aber auch um sich vor einem Massenansturm mittelloser oder kranker Einwanderer zu schützen, richtete die Bundesregierung der USA vor New York eine zentrale Aufnahmestelle ein, in der alle Zwischendeckspassagiere nach Herkunft und wirtschaftlicher Situation überprüft und erfasst wurden. Pass- und Visumpflicht handhabten die Behörden sehr restriktiv.

Fight Slavery!

War diese Hürde genommen, zogen viele Immigranten in Gegenden, in der schon andere Bekannte aus ihrer Region siedelten. So ergab sich in einigen Bundesstaaten schnell eine stabile deutsche Kultur. Von 1850 bis 1890 kam es zur Gründung unzähliger deutscher Musik-, Gärtner-, Karnevals-, Arbeiter- und Sozialvereine. Insbesondere die deutschen Turnvereine wurden ein Massenphänomen (in Deutschland waren die Turnvereine zwischen 1820 und 1840 verboten).

In Chicago gab es vier deutschsprachige Zeitungen, wie die Chicagoer Arbeiterzeitung mit dem Motto „Für des Volkes Rechte - gegen alles Schlechte“. Überhaupt waren die deutschen Vereine und Blätter zu einem großen Teil sozialistisch geprägt, insbesondere durch die demokratisch-revolutionären politischen Flüchtlinge der „Fourty-Eighters“, die im amerikanischen Bürgerkrieg engagiert auf Seiten der Unionisten für die Abschaffung der Sklaverei kämpften.

Westfälische Spuren

Durch den rasanten Anstieg der deutschen Einwanderung kam es ab 1850 zu starker Kritik: Die „Nativisten“ genannten Ur-Siedler der USA warnten davor, „dass die hohe Einwanderungszahl Deutscher die amerikanische Nation destabilisieren und zum Untergang der amerikanischen Werte führen werde“. Heute geben übrigens rund 50 Millionen Amerikaner (etwa ein Sechstel) an, deutsche Vorfahren zu haben.

Von diesen stammen auch etliche aus Westfalen. Zum Beispiel Joseph Weydemeyer. Er setzte sich nach der 1848er-Revolution als politischer Flüchtling ab und in den USA für den Sozialismus und die Einführung des 8-Stunden-Arbeitstages ein. Nebenbei arbeitete er als Ingenieur und Landvermesser am New Yorker Central Park mit. Und der Clemens Vonnegut gründete eine Haushalts- und Eisenwarenhandlung in Indianapolis, aus der die florierende Vonnegut Hardware Company wurde - und den Socialen Turnverein Indianapolis 1885. Die Bildhauerin Elisabeth Ney kam in Texas zu großer Popularität. Für die Weltausstellung von 1883 in Chicago fertigte sie Marmorbüsten der texanischen Gründerväter und wurde damit in ganz Amerika bekannt. Durch ihren künstlerischen Erfolg wurde sie zur Großgrundbesitzerin. Ihr burgähnliches Haus in Austin wurde 2012 zum Elisabeth Ney Museum Texas. In ihrer Heimat ist nur eine kleine münstersche Seitenstraße nach ihr benannt...

Carsten Krystofiak

(aus Ultimo Münster 7/2018)