SIDO
Ich
Aggro Berlin

Deutsche Meinungsmacher entdecken die Unterschicht, Berliner Hauptschulen erklären den Notstand und Sido "aus'm Block" hat ein neues Album raus. Was das alles miteinander zu tun hat? Das erklären uns gerade die Feuilletonisten. Hier geht es nur um den Künstler Sido; immerhin der Talentierteste der aggrossiven Rapper aus Berlin. Für das Drogenopfer aus dem Plattenbau im Märkischen Viertel wird es nach dem ersten Erfolgsrausch jetzt ernst: Sido distanziert sich vom Gangsta-Rap ("Denn dann wärt ihr alle tot!") und entschuldigt sich in "Ein Teil Von Mir" für vernachlässigte Vaterpflichten. Wer jetzt Sorge um die asozialen Qualitäten des "Freitag-ist-Hightag"-Rappers hat, kann aufatmen: So lenkt er in "Ich Kiff Nicht Mehr" am Ende doch zugunsten des grünen Krauts ein. Und zusammen mit Seeed-Sänger Peter Fox lässt er in "Rodeo" kräftig die Dancehall wackeln. Überraschend gut. In "A.I.D.S. 2007" rappt Sido schwer notgeil über einem Oriental-Sample und in "Sarah" wird eine allseits bekannte Indie-Zicke böse gedisst. Wenn man solch gewitzte Prollerei gegen Sidos öde Milieu-Studien ("Ihr Habt Uns So Gemacht") aufrechnet - ja, dann ergibt das immerhin ein überdurchschnittliches Werk aus der Aggro-Schmiede.
Frank Krings