ODETTA
Blues Everywhere I Go
M.c. Records / Fenn

Hinter jedem bekannten Mann steht bekanntlich eine große Frau, und hinter Bob Dylan stand in seinen Anfangsjahren nicht etwa Joan Baez, die eher auf seinen Fußspitzen stand, sondern die wahrlich große Odetta. In Folkkreisen galt sie als Reinkarnation Leadbellys: eine unerschrockene Frau, die Folksongs Amerikas aufarbeitend, mit voluminöser Stimme, simpel-schlagkräftiger Gitarrentechnik und unbeugsamer politischer Meinung, ein Vorbild für Dylan oder auch eine Tracy Chapman bis heute. Ein Live-Album mal nicht mitgerechnet, hat sie nun nach 13jähriger (!) Studio-Abstinenz endlich wieder ein Neuwerk eingespielt, für das sie sich handverlesene Musiker zusammensuchte, u.a. Dr. John am Piano. Das ist nicht unbedingt das Album, das von Odetta zu erwarten war: keine Soloexkursion durch alte Songs, keine Arbeit im Garten der Folkroots, sondern erstklassig gespielte Bluesstandards, die so bislang auch noch nicht zu hören war. Denn eine Band, die rockt und swingt, bei Titeln, die allemal der Vorzeit des elektrifizierten Blues angehören und dazu noch die Stimme Odetta: das hat was!
Adrian Wolfen