JONI MITCHELL
Both Sides Now
Wea

Für zahlreiche Singer/Songwriter ist Joni Mitchell eine Ikone, jedenfalls was ihre Platten aus den späten 60er und frühen 70er Jahren angeht. Sie selbst allerdings hat bereits vor über 20 Jahren die Folk-Wurzeln gekappt und zwischen Jazz, Rock und atmosphärischen Lautmalereien nach freien Ausdrucksformen gesucht. Kam sie mit dem letzten Album "Taming The Tiger" ihrem Jazz-Ansatz der Mittsiebziger zeitweise wieder ganz nahe, widmet sie sich mit "Both Sides Now" nun großen Jazz-Songs der 30er bis 50er. Begleitet von einem exquisiten Orchester zeigt sie sich dabei als ganz große Interpretin, die selbst in abgehangenen Standards ungeahnte Nuancen entdeckt. Aber die größte Überraschung liefert sie mit den zwei alten eigenen Songs "Both Sides Now" und "A Case Of You", die sie derart stilecht und formvollendet neben die Klassiker stellt, als wären sie extra für Billie Holiday oder Frank Sinatra geschrieben worden. Bryan Ferry und George Michael verfolgten zuletzt ein ähnlich nostalgisch gefärbtes Konzept und bekamen dafür Beifall von Publikum und Kritikern. Hätte man schon vorher Joni Mitchells Reise in die Vergangenheit gehört, wären die Reaktionen sicher anders ausgefallen. Denn im Vergleich zu "Both Sides Now" sind "Songs From The 20th Century" (Michael) und "As Time˙Goes By" (Ferry) schlicht Schrott.
Volkard Steinbach