GERNHARDT

Gernhardt, Görner, Gabba Hey

Ein großer deutscher Dichter, sein lautester Rezitator und das neue Alterswerk

Zugegeben: so richtig neu ist nichts von folgendem - aber erstens kann die Zeit richtiger Kunst eh nix am Zeuge flicken, zweitens spielt eins der zu lobenden Produkte selbst mit dem durch Rumliegen erworbenen Klassiker-Status, drittens fügt sich nur so das meiste glücklich zueinander - und viertens ist Robert Gernhardt eh nie zu alt für uns.
Lutz Görner schon eher, der seit so langen Jahren (seit 1976) verstaubte Klassik gegen den Wind bricht - äh - gegen den Strich bürstelt - mmh - unter Einsatz aller Körperöffnungen "die Literatur atmen, donnern und seufzen" läßt (Kassetten-Klappen-Text) ... was juckt es da, daß die fortdauernde Entdeckung von Schillers Unterleib uns zunehmend kalt läßt. Ach, wir lügen, Schiller hatte gar keinen, aber Göthen - oioioi.
Womit wir bei Görners Lese-Programm Erotische Lyrik wären - das es nicht gegeben hätte, wäre nicht vorher das grandiose Hausbuch der dreckerten Gedichte "Die komplette Sau" bei Haffmans erschienen. Was eine wesentlich unter anderem um Robert Gernhardt erweiterte Fassung eines körpernahen Kunstwort-Konvoluts aus den 70ern war (Original bei - ehrlich - Scherz). Da nämlich stehen lauter schwer erregte Reime drin, von unseren berühmtesten poetischen Schwellkörpern, die allesamt fürs tumbe Volk aus den Gesamtausgaben getilgt wurden. Görner macht aus diesem schweinischen Schatzkästerl eine kalte Dusche für Anstand, Sitte und blutleere Ober-Lehrer, politisch häufig unkorrekt, der Frauenbewegung nur mit einer Ulla Hahn und einem späten Schrumpelpenis-Vers zuwinkend - egal, an heutigen Literaturtelefonen verlesen, führte sogar Hoffmann von Hoffmanswaldau noch zum Skandal.
Jetzt endlich richtig Gernhardt. Den nahm Görner nach der Erotik (da war schon eins von G. drauf) abendfüllend ins Programm. Wohlüberlegt zerbrach er Gernhardts klassisch getöntes Spaßmacher und Ernstmacher in 10 Teile, streute an die 50 kürzere Robert-Worte wechselnden Tonfalls dazwischen und tourte unter nämlichem Titel Deutschlands schöngeistige Gemeindesäle in Klump. Selten richtig erotisch, meistens aber handwerklich tiptop auf dem Stilgefälle eine Dressur-Parodie reitend: "Ham Se was mit Kunst am Hut?" vs "Schaut mich an der Fuß der Zeit, trat mir meine Wangen breit". Gar nicht wahr, wirkt immer noch, wenn auch nach 1 Cassettenseite etwas ermüdend gekonnt.
Noch mehr Gernhardt? Gerne, wie wir nichtsdestotrotz zu witzeln nicht lassen können. Und zwar Über Alles, ein Hausbuch voller Robert pur. Das könnten sogar Leute haben wollen sollen, sie sonst schon alles von ihm haben, weil es verstreute Arbeiten und Auszüge gefällig zu Themen-Kapiteln bündelt, in denen jetzt zusammenklingt, was werkimmanent sich nicht unbedingt gehört, geschweige denn zusammen. Und daß der Mann, der der Welt die Vokabel "schmöll" schenkte (für satt-getrunken), ein bißchen dicke damit tut, im Alter von nichtmal ganz 60 Jahren eine Herausgeberin mit Doppelnamen (Ingrid Henrich-Jost) fast 500 Seiten mit sich über Gott, die Welt, die Kunst, das Ziehen der Mädchen am Hemdchen, die Bisamratte und die deutsche Literatur voll machen zu lassen - lassen wir ihn.
Weil er viertens gerade eben, neben der Taschenbuchausgabe seiner Kippfigur-Erzählungen (bei Heyne, aber in dem Fall haben wir das Original schon rechtzeitig gelobt), jüngst also, und das ist der untiefe Grund, die anderen Gernhardtiana auch aus dem Vorjahr vom Hätte-ich-schon-längst-mal-lesen-sollen-Regal zu räumen, ein schönes Stückchen augenzwinkerndes und ohrenwackelndes Alterswerk vorgelegt hat. Wege zum Ruhm gibt sich als Lehr- und Mahnbriefe eines Patenonkels an einen zum Künstlerwerden wild entschlossenen Abiturienten. In 13 Episteln rät er zu Wichtigem (gutes Pseudonym), Läßlichem (schlechtes Elternhaus), und schierem Schalk (meide Kollegen) - in 1 langem Warnwort vor Leuten, die wissen, wie Künster zu werden sei. Das ist, zwischen lauen anti-feuilletonistischen Witzen (erst das Künsterhaus suchen, dann das Buch schreiben) und herzlichen familiären Joki (wie mir mein erstes Buch unter die Lektoren fiel) eine richtige Literaturgeschichte der deutschen Poeterei (von Goethe, der Hölderlin nun doch nicht verriß, über Rilke, dessen Omelette die spätere Claire Goll nie zum Orgasmus brachten, bis zu Thomas Bernhard, dem bigotten Ekel). Zu lernen sei von solcherlei, befindet der Lehrer, daß man den persönlichen Umgang mit seinesgleichen besser meide. Meinetwegen. Aber lesen lassen wird er uns sich wohl noch? Doch doch.
WING
Lutz Görner: Erotische Lyrik vgs, Köln, Toncassette (82 min.) und Begleitbuch (128 S.), 24.- DM
Lutz Görner: Robert Gernhardt - Spaßmacher und Ernstmacher vgs, Köln, Toncassette (80 min.) und Begleitbuch (128 S.), 24.- DM
Robert Gernhardt: Über Alles Eine Lese- und Bilderbuch. Herausgegeben von Ingrid Heinrich-Jost. Haffmans, Zürich, 480 S.
Robert Gernhardt: Wege zum Ruhm - Über alles Haffmans, Zürich