WISSENSCHAFT ALS THRILLER

Viren, Nazis und Gehirne



Die Grippe-Welle 1918 forderte mehr Tote weltweit als alle AIDS-Fälle bisher. 20 bis 100 Millionen Tote - die Schätzungen schwanken, weil nicht in allen Ländern die Tode dokumentiert wurden - gingen auf das Konto eines bis dahin unbekannten Virus, der erst vor wenigen Jahren entdeckt wurde. In den USA sank die durchschnittliche Lebenserwartung im Jahr 1918 schlagartig um 12 Jahre, und in Europa litt die letzte deutsche Offensive unter dem massiven Truppenausfall - wegen Grippe. Die US-Journalistin Gina Kolata hat in ihrem Buch Influenza - Die Jagd nach dem Virus auch diese Geschichte erzählt, befaßt sich aber vor allem allgemein mit dem Grippe-Virus, der in 11jährigen Zyklen zu mutieren scheint und dessen Ursprung wohl in China liegt. Sie beschreibt die Arbeit der Mikrobiologen, dem Täter auf die Spur zu kommen, erzählt von Präsident Fords Pleite, ganz Amerika in den 70ern impfen zu wollen und wie ein Hühner-Virus in Hongkong gerade noch rechtzeitig eliminiert werden konnte. Leider ist das Buch oberflächlich und schlampig (mehrer Fakten werden mehrmals referiert), die Übersetzung mäßig, in Kolatas Stil, Momente der Wissenschaftsgeschichte so zu beschreiben, als sei sie selbst dabei gewesen, ist ebenso peinlich wie ihr Hang zu nichtssagenden Personenbeschreibungen: Professor X war ein besonnener Mann ... ja denn.


John F. Case hat eine miese Phantasie und einen hervorragenden Rechercheur. Deshalb fängt Das erste der sieben Siegel schockierend an (schwangere Frau lockt einsames Ehepaar zum Sezieren in den Kleinbus) und geht dann erstmal in Labors verloren: die spanische Grippe wurde wieder ausgegraben. Nun gräbt sich ein Journalist, mit einer Husten-Expertin am Hals, in die komplizierte Materie ein. Wie das Virus in die Arktis kam, was eine Proteinhülle ist, warum biologische Waffen so wirksam sind, woher auf einmal zwei Geheimdienste und eine Terror-Organisation kommen. Das ergibt einen guten Grundkurs im Grippe-Wissen auf dem Stand Ende des letzten Jahrhunderts, als wirklich gerade die Original-Erreger in der Arktis ausgegraben wurden. Leider hält der Thriller-Rest nicht das Niveau: Öko-Terroristen lassen sich von den Nord-Koreanern instrumentalisieren, ein Guru dreht ab, die Helden kriegen sich, das FBI rettet die Welt - und weil alles so geheim ist, tarnt der Journalist seinen Erlebnisbericht eben als Roman. Hrmm.


Für Antarktika liess sich der renommierte SF-Autor Kim Stanley Robinson mit einem Kultur-trifft-Wissenschaft-Programm an den Südpol bringen, lebte ein paar Wochen im ewigen Eis - und schrieb seine Geschichte aus der allernächsten Zukunft als interdisziplinäres Lehrbuch. Der Antarktis-Vertrag läuft aus, die Kapital-Verwertungsinteressen greifen nach dem kalten Herz des Planeten - und verschiedene Gruppen von Wissenschaftlern, Träumern und Abenteurern versuchen verschiedene Wege, um Forschung, Ausbeutung, Erhaltung und Erholung unter eine Thermo-Kappe zu kriegen. Man lernt fundamentales aus Klima- und Gletscherkunde, erlebt die grossen Expeditionen nach (Amundsen, Scott, Hillary, Shackleton), kriegt die Poesie der weissen Wüstenei durch einen netten Feng Shui Reporter vermittelt und die Perversion der erdauffressenden Globalpolitik durch einen halblinken Senats-Rechercheur. Und durch Öko-Terroristen, die unerkannt im Hintergrund werkeln, alle Handlungsgruppen zur Katastrophe bündeln. Die Götterdämmerungs-Manager müssen aufgehalten werden, das ist Robinsons feste politische Überzeugung - und die Glazial-Kontroverse ist sein bis ins kleinste Steinchen eigenhändig freigelegte geologische Bild dafür: ist das Eis da unten ewig, der Pol unverwüstlich, die Erde im Grunde nicht umzubringen - oder im Gegenteil? Sogar die Geschlechter-Verhältnisse laufen im Roman nicht ganz so konventionell ab wie sonst im Genre. Aber im Vergleich zu den harten Fakten von Antarktika sind die weichen nur Schneewehen.


Dass ausgerechnet zwei Deutsche einen guten Science-Thriller schreiben, ist überraschend. Jens Johler und Olaf-Axel Burow haben sich für Gottes Gehirn einen ziemlich einfachen Plot ausgedacht: zwei Journalisten reisen durch die USA und interviewen Wissenschaftler, die kurz danach ziemlich tot sind. Die Interviewserie wurde in Gang gesetzt, weil gleich zu Beginn ein Nobelpreisträger für Klimaforschung ohne Gehirn (und ja: ziemlich tot) aufgefunden wird. Und während die Journalisten - klar: Mann und Frau, und natürlich kriegen sie sich - dem Rätsel der Mordserie immer näher kommen, lernen wir eine Menge über Genetik, Klonen, Künstliche Intelligenz, das Hirn überhaupt und warum Johann Sebastian Bach nicht nur Pythagoras sondern auch die ganze Welt mit seinem Quinten-Trick in Ordnung gebracht hat. Das Schöne daran ist: alles, was wir in den Interviews zu hören kriegen, ist wahr, echt, Stand der Forschung, und es bleibt sogar Zeit für neckische Belehrungen, etwa dass man zu großen Ereignissen nicht "ein Quantensprung!" sagen soll, weil ein Quantensprung eher etwas Klitzekleines ist. Die Götter der Zunft - von Howard Gardner bis Marvin Minsky, von Jerry Rifkin bis Weizenbaum - kommen alle vor, und irgendwann spielt sogar John McLaughlin im "Blue Note" ein irritierendes Solo, weil ihm die "Bach'sche Quinte" fehlt. Das Geniale an Gottes Gehirn ist nicht der Krimi-Plot (der ist eher absehbar), sondern das Nebeneinanderstellen der verschienedenen aktuellen Wissenschafts-Ansätze: Der KI-ler will Roboter bauen, der Genetiker Organbanken, der Biologe betont die Hormone, der Physiker die Schwingungen. Und alle reden aneinander vorbei und verachten einander. Und wir lernen mit den beiden Hauptfiguren: Gnade uns Gott, wenn die sich eines Tages einig werden!


Vollkommenen Blödsinn hat Jorge Volpi in Das Klingsor Paradox zusammengeschrieben, wo er sich mit der Geschichte der Quantenphysik befaßte. Die Idee ist nicht schlecht: 1947 soll eine US-Offizier den heimlichen wissenschaftlichen Berater der Nazis finden, von dem nur der Deckname bekannt ist: Klingsor. Volpi läßt zu diesem Zweck viele Größen der Zeit auftreten - von Neumann, Niels Bohr, Werner Heisenberg, Erwin Schroedinger - und die erzählen von den wilden Jahren zwischen 1927 und 1935, als die klassische Physik ganz schon aus den Fugen geriet. Weil das aber die Geschichte nicht so recht weiterbringt (das merkt sogar die Hauptfigur), hat Volpi das Hitler-Attentat vom 20. Juli 44 und eine ziemlich dämliche Liebesgeschichte draufgepackt, und jetzt muß alles mit Gewalt zusammengehene und irgendwas bedeuten. Die wissenschaftsgeschichtlichen Passagen sind gut und korrekt, die Liebesgeschichte ist peinlich ("meine Lippen näherten sich ihrem Geschlecht"), und ansonsten gibt es jede Menge zeitgeschichtliche Schlampereien.


-aco/es/wing-


Gina Kolata: Influenza - Die Jagd nach dem Virus. Aus dem Amerikanischen von Irmengard Gabler, S. Fischer, Frankfurt 2001, 351 S., 39,90 DM
John F. Case: Das erste der sieben Siegel Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 2001, 427 S., 16.90 DM
Kim Stanley Robinson: Antarktika Aus dem Amerikanischen von Peter Robert. Wilhelm Heyne, München 2001, 687 S., 25.43 DM
Jens Johler & Olaf-Axel Burow: Gottes Gehirn Europa Verlag, Hamburg/Wien 2001, 319 S., 38,50 DM
Jorge Volpi: Das Klingsor Paradox Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Klett-Cotta, Stuttgart 2001, 509 S., 49,- DM