BIOGRAFIE

Flache Welt

Gerhard Mercator hängt den Globus an die Wand

John Vermeulen schreibt seit Jahren dicke historische Romane über berühmte Gestalten aus der holländischen Geschichte. Nach Bruegel und Bosch ist nun ein Held dran, den alle Welt für einen Deutschen hält. Gerhard Mercator (1512-1594) gilt als Vater der modernen Kartografie und vor allem Duisburgs berühmtester Sohn. Dabei stammte er aus Flandern, dachte sich die Projektionsmethode aus, als die Niederlande unter spanisch-katholischer Herrschaft standen, und er saß bei der holländischen Inquisition wegen Lutherei im Knast.
Davon abgesehen führt er ein eher ruhiges Leben, aus dem Vermeulen weniger einen Roman wissenschaftlichen Erwachens aus dem Mittelalter macht denn eine neuzeitliche Beziehungsgeschichte. Ob Frau ob Schwiegermutter, sowohl Forscherkollegen als auch intrigante Auftraggeber reden in fast moderner Sprache ausführlich über Eifersucht, Zurücksetzungsgefühle, latente Homosexualität und anderen Seelenkolportage-Themen. Wie genau die Mercator-Projektion funktioniert, die eine Kugeloberfläche auf einer Ebene abbildet, kriegt man dagegen nur zu ahnen. Und auch die großen Zeitläufte (die Reformation befreit Holland von den Spaniern, Deutschland gilt als Heimat freier Geister) bilden nur den Hintergrund einer langen Eroberung eher der inneren Welt. Mercator ging chronisch nicht aus dem Haus und revolutionierte doch, wenn schon nicht die Ansichten, so doch die Ansicht von der Welt: ins praktisch flache der Karte. Das ist allemal einen dicken Roman wert.
WING
John Vermeulen: Zwischen Gott und der See Übersetzt von Hanni Ehlers. Diogenes, Zürich 2005. 688 S., 22,90 ISBN: 3257064950