ARGENTINIEN

Tango, Tod und Traumata

Die Erzählungen von Guillermo Martínez

Viele seiner Romane seien früher Kurzgeschichten gewesen, räumt der argentinische Autor Guillermo Martínez im Nachwort zur ersten deutschen Sammlung seiner Erzählungen ein. Und eigentlich jeden Text wie eine Kurzgeschichte entworfen, von hinten her, mit einem zweiten Augenmerk auf den Umschlagpunkt, die Wende, an der bei ihm meist Fabel in Parabel kippt, Wirklichkeit in Traum. Und Bildung in Atmosphäre.

Immerhin nutzt Martínez, der schon mit Ende 40 als Nachfolger des Uraltmeisters Jorge Luis Borges gilt, ganze Bibliotheken voller Kulturanspielungen, von Flaubert bis Fermat, um seine eher ländlichen Geschichten weltläufig zu machen. Oder doch eher, um die gebildeten, häufig ihrem Autor ähnelnden Helden auf den wahren Boden zu bringen?

Da verschwinden etwa in einem Dorf ein Rucksackreisender und die schöne Frau des Friseurs. Gerüchte machen die Runde, von Entführung bis Ehrenmord. Dann findet man beim Graben auch Leichen. Viele Leichen, das ganze Dorf scheint auf Leichen gebaut zu sein.

Viele von Martínez Texten erwähnen die Militärdiktatur in Argentinien, viele spielen mit dem lockeren, südamerikanischen Gefühl, mit dem man am Sterbebett der Groámutter auch mal Sexphantasien haben kann. Manche sind aber auch nur Fingerübungen, wie der Witz von dem Mann, den die Frau beim öffentlichen Pinkeln abschleppt, um ihrer kleinen Tochter ihren ersten Penis zu zeigen, der ihr garantiert keine Angst macht.

Wing
Guillermo Martínez: Gewaltige Hölle Erzählungen. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Eichborn, Frankfurt 2010, 195 S., 18,95