KILLER

English Psycho

Zwei Briten rasten aus

Es ist über 20 Jahre her, dass der "American Psycho" von Brett Easton Ellis blutspritzend durch die Wallstreet marodierte, um dem Menschenfresser-Kapitalismus die blanke Klinge als Spiegel vors Gesicht zu halten. Sozusagen. Jetzt sind wohl die Europäer reif für so eine Strafexpedition in die eigene Seele. Jedenfalls sind gerade zwei Romane erschienen, die uns im Kopf eines Killers auf die Menschheit loslassen.

John Niven schickt in Kill Your Friends den Egomanen Steven Stelfox ins britische Musik-Bizz der 90er Jahre.

Als Artists & Repertoir-Manager einer Plattenfirma hat der schnell gelernt, dass keiner weiß, was er da eigentlich tut, aber dass es Koks und Weiber in Mengen gibt, wenn man den richtigen Deal gemacht hat. Stelfox ist ein Arschloch von der ersten Seite an und hasst jeden, manchmal auch sich selbst. Er tunkt seine Nase in jedes Pulver und seinen Schwanz in jede Dose am Weg, und ganz besonders eklig wird es, wenn er selbst mal glaubt, ein echtes Gefühl zu entwickeln. Schließlich geht Stelfox über Leichen zum Ruhm. Ein Baseballschläger ist ein Management-Tool, eine lästige Tusse wird erst zum Dreier mit einem verkoksten Polizei-Freund verführt, und später muss der die Leiche zersägen und entsorgen. Bäh.

Niven weiß, wie Platten-Label ticken, er war selbst lange Scout für sie. Auch der Übersetzer kennt als Pop-Journalist das Geschäft. Trotzdem, und trotz einiger realistischer Einsprengsel mit echten Stars und Hits, ist Kill Your Friends eher ein überlanger Hate-Rap auf die Menschenverachtung im Allgemeinen als ein Porträt der absonderlichen Pop-Industrie Ende des letzten Jahrhunderts.

Jonny Glynn schickt in Sieben Tage den offenbar schizophrenen Peter Crumb in die Straßen von London, um sich durch viel Sex und Drogen, ungebührliches Benehmen und etwas Totschlag hier und da auf sein eigenes Ende vorzubereiten. Crumb erzählt einerseits aus der Ich-Sicht und berichtet anderseits von einem Crumb, der den gemeinsamen Körper am Schwanz in jede Richtung zieht.

Crumb 1 ist ein Weichei und hatte wohl ein schweres Schicksal, das ihn aus der bürgerlichen Existenz riss. Crumb 2 ist dagegen manisch und treibt den moralisch zerrütteten Protagonisten dazu, sich sieben Tage lang mit immer größeren Knallen von der bösen Welt zu verabschieden. Die Anregungen dazu holt er sich aus Zeitungsschlagzeilen.

Das Schwanken in der Beschreibung zwischen Protokoll und Phantasie hat was. War diese Vergewaltigung im vollbesetzten Doppeldeckerbus echt? Wer könnte sie sich eingebildet haben? Am Ende verwischen die Grenzen ganz. Crumb scheint, ganz nach Soap-Dramaturgie, bei einem Bombenanschlag auf einen Londoner Bus ein Kind gerettet zu haben, weil er sein Kind früher mal verlor. Crumb will sich danach endlich selbst umbringen und scheint geläutert davon zu kommen.

Das ist ein bisschen dünn und zu versöhnlich für das Tagebuch des Teufels. Aber als Debüt knallt es gut.

Wing
John Niven: Kill Your Friends. Aus dem Englischen von Stephan Glietsch. Heyne, München 2008 352 S., 12,00
Jonny Glynn: Sieben Tage. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. S. Fischer, Frankfurt 2008, 263 S., 18.90