FUSSBALL

Ein Tor für den Führer

Kicker und Funktionäre in der Nazi-Zeit

So richtig reden möchte eigentlich keiner darüber. Ist doch auch schon so lange her. Da weiß man nicht mehr viel drüber. Ist da überhaupt was gewesen? Man soll die alten Zeiten doch ruhen lassen und in die Zukunft schauen. Und überhaupt, beim DFB hat man sich immer nur um Sport gekümmert, auch während der Nazizeit ... immer nur um den Sport gekümmert ...
Fußball und Nationalsozialismus - weiß man da überhaupt etwas drüber? Zugegeben nicht viel. Dies wollen die Autoren Gerhard Fischer und Ulrich Lindner mit ihrem Buch Stürmer für Hitler aber ändern.
Die mit Abstand beliebteste Sportart in Deutschland fand auch in den braunen Jahren statt. Immerhin wurde Schalke 04 unter den Nazis sechsmal Meister. Und die deutsche Nationalmannschaft? Die erschien schon 1934 zur WM in Italien mit Hitlergruß auf dem Spielfeld.
Nun war Adolf Hitler alles andere als ein Anhänger von gepflegtem Gekicke. Hitler stand auf Autorennen und Boxen. Trotzdem versuchten die Nazis natürlich, den gesamten Sport und somit auch den Fußball für sich zu instrumentalisieren. Mit dem Sport wollten die Nazis im Ausland ihr Image aufpolieren. Aber auch die eigene Bevölkerung sollte besonders in den Jahren des Krieges mit Sportveranstaltungen bei Laune gehalten werden. Außerdem bedeuteten sportliche Erfolge auch eine Bestätigung für den arischen Gedanken. Jeder Sieg in einem Fußballspiel und jede olympische Medaille zeugten, davon war besonders Goebbels überzeugt, von der Überlegenheit der deutschen Rasse.
Auch in den dreißiger Jahren war Fußball der Lieblingssport der Deutschen. Weswegen die Nazis auch schnell die Kontrolle über Balltreterei an sich rissen. Traditionsreiche Arbeitervereine wurden zerschlagen (das Ziel hieß nur ein Verein pro Stadt) und aus den Überresten enstanden neue Clubs, z.B. der VFL Bochum. Die Vereinsführungen bestanden, wen wundert's, ausschließlich aus überzeugten Nazis. Und schon bald nach Hitlers Machtergreifung durften jüdische Spieler auf keinen Fußballplatz des Reiches mehr. Einige von Ihnen sind in den KZs der Mörder gestorben.
Die Legende vom unbefleckten Sport, der sich irgendwie durch die schlimme Zeit gemogelt hat, wird in diesem Buch als Lüge entlarvt. Sicherlich wurde im Dritten Reich mit Begeisterung Fußball gespielt. Für Führer Volk und Vaterland. Und das war alles andere als unpolitisch. Sie haben eben alle mitgemacht, auch der Herberger Sepp. Beim DFB weiß man das alles nicht mehr so genau. Aber man wird sich mit dem Thema beschäftigen. Schließlich wird man im Jahr 2000 hundert Jahre alt. Wird auch Zeit für die Herren des DFB, ein bißchen ausführlicher über das Thema zu reflektieren. Es wird Zeit, diese Vergangenheit aufzuarbeiten.
Mirko Puzic
Gerhard Fischer/Ulrich Lindner: Stürmer für Hitler - Vom Zusammenspiel zwischen Fußball und Nationalsozialismus Verlag die Werkstatt, Göttingen 1999, 303 S., 34.- DM