GESCHICHTE

Alte Welten

Fakten und Fiktionen von früher: 2 Romane & 1 Lexikon

Das dickste Ding zuerst: Darius der Große - oder Darayawahush, wie die Perser ihren König keilschriftlich nannten - oder Dariuvahush, wie Hanns Kneifel den damaligen Herrn der Welt für heutige Zungen vorsichtig verlesbart. Sonst ist fast alles original, ja kurze Passagen des Romans, eingestreuter Briefe und Protokolle von Forschungsreisen hat Kneifel sogar eigenhändig aus dem Altpersischen eingedeutscht.
Darum herum erzählt er gewohnt prall vom Aufbau des ersten modernen Großreichs vor 2500 Jahren; schildert minutiös, wie man die Tore Babylons mit Belagerungs-Pionieren aus den Angeln reißt; vergißt nicht, alle paar Seiten die Vorlieben der Helden für Glühwein zu erwähnen (leider ohne Rezept); schwelgt gerne auch mal knietief in den blutigen Einzelheiten einer Elefantenschlachtung ... und wenn man alle urkundlich belegten Einzelheiten wegließe (die Farben der Pferde, die Namen der Schmuckstücke, die knorrig-blumigen Reden des Generalstabs), Darius der Große wäre 400 Seiten leichter. Und ärmer. Andererseits droht der Inhalt (Darius als eine Art Atatürk, der Proto-Irak als Wiege des Föderalismus, die starken Zeiten als Ausfluss grüblerischer Nächte à) in der reich verzierten Form unterzugehen. Und natürlich ist Kneifels Geschichtsauffassung eher unmodern: Taten großer Männer.
250 Jahre Erzählzeit später - und eine Erzählergeneration: Gisbert Haefs, der oft versucht hat, das Feuilleton kneifelreif zu schreiben, faßt sich nach seinen eigenen Mega-Schinken (Alexander, Troja) in Hamilkars Garten etwas kürzer. Weniger recherchierte Fakten, mehr flapsiger Dialog - und bloß ein kleiner Kriminalfall in Hannibals Karthago statt Großreichs-Angelegenheiten. Scheinbar. Aber natürlich kann es Haefs nicht lassen, das antike Bankenwesen zu erläutern oder die Toleranz der Punier dem Imperialismus Roms vorzuziehen. Und seine unnachahmliche Mischung modern-makaberer Gesten in antiken Gewändern vorzuführen: etwa wenn gleich zu Beginn der ermittelnde Detektiv sich in der Pathologie die Obduktion eines Mordopfers erklären läßt "ausweiden und in Salz einkochen". Und vermutlich hätte Haefs lieber "auswaiden" geschrieben.
Wie gut alte Ärzte wirklich waren, listet die Enzyklopädie der frühen Erfindungen gleich im ersten Kapitel auf: Hirntumorbehandlungen mit dem Steinbeil, Zahnersatz, Schwangerschaftstests, Nasenkorrekturen ... es folgen Abschnitte über das Verkehrswesen, Sex, Krieg, Badehäuser, Fast Food ... fast nichts, incl. Fernschreiber, was es nicht schon vor 1000 Jahren gab. Und was nicht ab etwa 600 in Europa vergessen wurde. Das meiste bleibt zwar auf Dönekes-Niveau (der älteste Bumerang ist ein Pole), aber trotzdem seriös. Sogar Forschungslücken werden ohne Däniken-Fanfare erwähnt: Wozu brauchte Hannibal beim Straßenbau über die Alpen Essig? Hatten altpersische Kunstschmiede schon Batterien fürs Galvanisieren? Ein interessantes Buch, das natürlich nicht alles erklärt, aber viel mehr als man vermutet.
WING
Hanns Kneifel: Darius der Große. König der Perser Schneekluth 1998, 896 S., 58.- DM
Gisbert Haefs: Hamilkars Garten Heyne 1999, 304 S., 39.80 DM
Peter James & Nick Thorpe: Keilschrift, Kompaß, Kaugummi. Eine Enzyklopädie der frühen Erfindungen Sancoussi 1998, 448 S., 39.80 DM