RUMÄNIEN

Kurzer Prozess

Das tragikomische Ende des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu

Nicolae Ceausescu darf getrost zu den bizarren Größenwahnsinnigen des letzten Jahrhunderts gezählt werden. Die Elogen, die seine Staatsdichter verfassten, waren ebenso seltsam und maßlos wie die peinlichen Stalin-Dichtungen.

Der "geliebte Conductator", der "Erbauer von allem was gut und gerecht ist" pflegte die Marotte vieler künstlerisch impotenten Dikatoren und verschrieb sich der Architektur. Für die Verwirklichung seiner Pläne ließ er ganze Dörfer planieren und Stadtviertel von Bukarest abreißen. Persönlich geizig, bunkerte er Teile des Staatshaushaltes, während sein Volk wegen der vielen Reformen und tollen Ideen des "Schöpfer einer Epoche" nichts mehr zu beissen hatte. Und er ließ das größte Gebäude Europas erbauen, mitten in der Hauptstadt, als seine Version eines Palastes des Volkes. Nach dem Sturz Ceausescus wurde der Bau des Palastes für ein paar Jahre eingestellt. Da man nicht weiß, was man mit dem Ding sonst machen soll, wird es inzwischen genutzt und weiter gebaut.

Der Umgang mit dem "Palast des Volkes" ist typisch. Die rumänische Revolution war von Anfang an ein Unternehmen der Herrschenden, den eigenen Hintern vor der Volkswut zu retten. Das seltsamste Schauspiel dabei bot der improvisierte Schauprozess gegen die "große Tanne" Ceausescu und dessen Ehefrau Elena. Hastig mit einem Armeehubschrauber aus der Stadt gebracht, fand ein in wenigen Stunden improvisertes Tribunal statt, dessen Dialoge überliefert sind und die sich lesen, als seien sie einem Stück von Beckett entnommen worden. Warum hast du das Volk ausgeplündert? Fragt der Staatsanwalt. Ceausescu antwortet: Dir sage ich gar nichts, ich beantworte nur Fragen der Großen Nationalversammlung. Am Ende steht der gerichtlich bestellte Verteidiger der Ceausescus auf und hält eine lange Rede, in der er betont, man habe ihn, den Anwalt, zu diesem Job gezwungen und seine Mandanten seien derart abscheuliche Wesen, dass man sie wohl nur zum Tode verurteilen könne. Quasi aus Versehen geschah es dann auch; niemand hatte die sofortige Vollstreckung des Todesurteils angeordnet.

Aus diesem Prozess hat Milo Rau ein Theaterstück gemacht: Die letzten Tage der Ceausescus wurde im letzten Jahr in Rumänien uraufgeführt. Ergänzt um viele Materialien, Fotos, Interviews mit Zeitzeugen und einigen intelligenten Reflektionen darüber, wie sich Geschichte inszeniert und wie man sie inszenieren kann, ist Die letzten Tage der Ceausescus als Buch erschienen. Darin wird nicht nur der historische Ablauf knapp und präzise geschildert, alle versammelten Dokumente, die mehr als die Hälfte des Buches ausmachen, führen notwendigerweise zum Kern dieser Farce, dem kurzen Prozess der Ceausescus, angeführt von einem General, der morgens noch (als frisch eingesetzter Verteidigungsminister) die Stiefel seines Herrn geleckt hatte, den er jetzt an die Wand stellen ließ.

Begleitend zum Text steht auch ein kleines Briefchen, in dem ein Zeuge berichtet, dass man nicht unterschätzen dürfe, dass während des Prozesses immer die Furcht anwesend gewesen wäre, einer der Putschisten könne sich doch noch mit dem Herrscherpaar versöhnen und Rache nehmen. Dem Text ist diese wirre Vorsicht durchaus anzumerken.

Die verhasste Securitate, der Geheimdienst der Ceausescus, wurde schon während des Putsches als Sündenbock hingestellt; angeblich habe die Securitate ausländische Söldner ins Land geholt, um auf das Volk zu schießen.

Kein Securitate-Amtsträger wurde nach dem Putsch belangt. Der mörderische Geheimdienst ging still und leise in der Armee auf, in die er per Gesetz integriert wurde.

Die Macher des Theaterstückes wurden inzwischen vom Schwiergersohn Ceausescus verklagt. Nicht wegen Rufmord, sondern weil der sich den Namen "Ceausescu" als Marke schützen ließ.

Erich Sauer
Milo Rau: Die letzten Tage der Ceausescus. Materialien, Dokumente, Theorien. Verbrecher Verlag, Berlin 2009, 271 S., mit zahlr. Abb., 13,-