PSYCHOANALYSE

Ethnischer Wahn

Wie man über Ängste von Völkern sprechen kann

Nicht jedesmal klappt es so wie bei den Friedensgesprächen von Dayton: Der Legende nach haben die Amis die Verhandlungen direkt neben einem waffenstarrenden Flugzeughangar geführt, um bei Serben und Kroaten keine Zweifel aufkommen zu lassen, was die Alternative zum Frieden wäre.
Vamik Volkan, als türkischer Zypriot geboren und heute Psychoanalytiker und Professor in Virginia, USA, befasst sich seit den späten 80ern beruflich damit, was "ethnische Konflikte" sind, warum sie entstehen und wie man sie löst. Zu diesem Zwecke hat Professor Volkan ein ganzes Institut an seiner Seite, das manchmal moderierend in schwierigen Verhandlungen berät, etwa in den baltischen Staaten.
Schon Freud hat den Weg gewiesen, wie Gruppenprozesse psychoanalytisch zu deuten wären (in "Totem und Tabu"), Volkan benutzt Freunds Instrumentarium, allerdings sehr differenziert. Er begreift Gruppenprozesse auch als historische Prozesse. Die Identitätsfindung einer Gruppe, ihre kulturellen "Fetische", die Verlagerung unangenehmer Eigenschaften auf andere Gruppen analysiert er prinzipiell und konkrekt: Am Zerfall der Sowjetunion, anhand des Auseinanderbrechens Jugoslawiens, der Situation Zyperns und der Palästinenser und anhand des Massakers in Ruanda.
"Ethnizität ist eine Art zu denken, keine Kategorie der Natur", zitiert Volkan den Anthropologen Howard Stein. Es geht eben nicht um den "einfachen" Rassismus, sondern um tradierte Ängste einer sich kulturell definierenden Gruppe. Wenn die Serben heute - 600 Jahre später! - stolz sind auf "ihre" Niederlage auf dem Amselfeld, dann dient diese Erinnerung dazu, eine Identität zu schaffen (in diesem Falle die problematische eines Verlierers). Diese "ethnischen Erinnerungen" zu instrumentalisieren - wie Milosevic es tat - führt zu einer Art Raserei, eine Verständigung mit dem "Feind" ist nicht möglich, weil er diese Erinnerung nicht nur nicht teilt, sondern kein Verständnis für die Ängste der Gruppe haben kann
Wenn Ängste und Vorurteile das Verhalten einer Nation bestimmen - dann bedarf es etwa einer Geste wie der von Anwar el-Sadat, der 1977 ohne Vorbereitung nach Israel flog (die Israelis hatten Special Forces am Flughafen stationiert; bis sich die Flugzeugtür öffnete, glaubten sie an einen Trick) und den Friedensprozess einleitete. (Das gehört nicht hierher, aber Wolfgang Neuss hat 1965 gesagt: "Seht, wie das Gesicht eures Feindes euch entsetzt, weil ihr erkennen müßt, wie sehr es eurem eigenen ähnelt!").
Es sei eine seltsame Vorstellung, sagt Volkan, dass Völker und Politiker sich rational verhielten. Ohne die materiellen Grundlagen kriegerischer Konflikte vernachlässigen zu wollen (im Falle des Bosnien-Krieges etwa fällt es sehr schwer, solche nachzuweisen), ist es die irrationale Ethnizität, die Konflikte eskalieren läßt. Hitler und die deutsche Industrie mögen ökonomische Gründe gehabt haben, die Sowjetunion zu überfallen. Möglich wurde der Krieg jedoch nur, weil die Deutschen ernsthaft zu glauben bereit waren, "der Russe" sei eine Bedrohung der eigenen Kultur, der "Untermensch" müsse zum Schutze des "arischen Blutes" eliminiert werden. In der "Endlösung" kulminierte dieser Irrsinn (ein Beispiel, das Volkan nicht anführt).
Neben detailierten Analysen - vor allem das Portrait des PKK-Chefs Öcalan ist beeindruckend - ist Volkans Blutsgrenzen (Gott, diese deutschen Titel!, das Original heißt "Blood Lines", und wer meint, das hieße das gleiche, darf sich beim Scherz Verlag bewerben) vor allem sehr gut aufgebaut. Der Wechsel zwischen Psychoanalyse - vor allem die kindliche Entwicklung und Persönlichkeitsbildung steht da im Mittelpunkt - historischem Bericht und Volkans eigentlichem Thema, der Gruppenbildung, dieser Wechsel ist didaktisch gut aufgebaut und erleichtert das Verständnis. Dass Volkan keine Allerweltslösung am Ende bietet, spricht für ihn. Wer richtige Antworten will, muss lernen, die richtigen Fragen zu stellen.
Erich Sauer
Vamik Volkan: Blutsgrenzen. Die historischen Wurzeln und die psychologischen Mechanismen ethnischer Konflike und ihre Bedeutung bei Friedensverhandlungen Aus dem Englischen von Klaus Kochmann. Scherz, Bern/München/Wien 1999, 351 S.,