SCIENCE FICTION

Von Männern & Mäusen

»Blumen für Algernon« - ein Klassiker der neueren SF-Literatur wird wieder aufgelegt

Charly ist ein Idiot. Er kann gerade mal Lesen und Schreiben und als Aushilfskraft in einer Bäckerei arbeiten, wo er die Werkstatt ausfegt und die Hänseleien seiner Kollegen gutmütig erträgt.
Eines Tages wird Charly an ein Labor überwiesen. Zwei Herren dort haben eine Methode zur Intelligenzsteigerung ersonnen. Die haben sie, sehr erfolgreich, an der Labormaus Algernon ausprobiert, jetzt wollen sie mit Charly die Methode am Menschen überprüfen.
Daniel Keyes' Flowers for Algernon war nicht der erste Roman, der sich mit dieser Idee befasste. Die Vorstellung, ein chirurgischer Schnitt im Gehirn oder eine ausgeklügelte Hormon- oder Medikamentengabe könne aus Trotteln Genies machen, geistert schon seit dem 19. Jahrhundert und dem Siegeszug des Materialismus durch die Köpfe.
Keyes´ 1966 erschienener Roman benutzt den Trick, die Geschichte aus Charlys Perspektive zu erzählen. Weshalb die ersten Sätze so lauten: "Dr Strauss sagt fon nun an sol ich aufschreiben was ich denke und woran ich mir erinere und ales was ich erlebe. Wiso weis ich nich".
In dem Maße, in dem Charlys Eloquenz zu- und seine Schreibfehler abnehmen, wird aus dem jungen Mann ein Genie. Charly versteht nicht nur die Welt, er begreift auch, wie diese Welt bisher mit ihm umgesprungen ist. Was ihm bis jetzt erschien wie harmlose Streiche, wird im Rückblick zu einer brutalen Kindheit, in der vor allem Mutter und Schwester sich für ihn schämten und den Idioten schnell in ein Heim abschieben wollten.
Selbst bei seinen Professoren entdeckt Charly die Neigung, ihn erst jetzt als Menschen zu sehen. Nun, wo er ein Genie und ein hochqualifizierter Forschungskollege ist, behandeln ihn alle mit Respekt - nicht ohne darauf hinzuweisen, dass er ohne die Forschung weiterhin ein Trottel, also ein Nichts geblieben wäre. Lediglich zwei Frauen, die eine Lehrerin, die andere Künstlerin, lieben Charly, aus unterschiedlichen Gründen, ziemlich vorbehaltlos.
Es wird nicht ganz deutlich, ob Charly ein Charakterschwein wird aufgrund seiner zunehmenden Intelligenz (nur wer klug ist, sieht das Böse als Alternative) oder weil er erkennt, was ihm bisher angetan wurde. Als er retardiert - der Intelligenzschub ist nicht von Dauer - wird er wieder der alte, nette, arglose Charly. Hält Keyes Freundlichkeit für einen Ausdruck von Dummheit?
Sicher nicht. Die Kenntnis der Welt macht uns misstrauisch gegenüber den Motiven der Anderen. Allerdings ist nicht zu entscheiden, wer besser dran ist: der unglückliche Intelligenzbolzen oder der glückliche Idiot. Sagt Keyes. Oder anders: wir sind, was wir wissen.
Das ist nicht neu. Neuer war da schon die im Roman versteckte These, dass Intelligenz kein chirurgisch herzustellender oder medikamentös herbeizuführender Zustand sei. Sondern eher so etwas wie eine Stehende Welle, ein Quantenphänomen.
Mäuserich Algernon, Charlys Laborkumpel und auf seine Art auch ein Genie, retardiert als erster. Er verweigert weitere Experimente. Statt durchs Labyrinth zu laufen, wirft er sich auto-aggressiv gegen die Wände und fällt schließlich die eigene Gefährtin an. An Algernon kann Charly sehen, was mit ihm passieren wird. Seine letzten lesbaren Worte, bevor er ins Heim für Schwachsinnige zurückkehrt, gelten Algernon: "P.S.: Bitte wen sie könen legen sie ein Par blumen auf Algernons grab hinden im garten."
Als er noch ein Genie war, hatte Charly aus Neugier das Heim besichtigt, das ihn aufnehmen würde, wenn sein IQ wieder auf 68 abgesunken sein würde. Bei der Besichtigung wundert sich Charly, dass es im Heim keine Zäune, keine verschlossenen Türen gibt. Wozu?, sagt die freundliche Stationsleiterin, wer hier abhaut, wird von den Nachbarn bald wieder zurückgebracht. Da draußen will doch niemand diese Schwachsinnigen haben.
Alex Coutts
Daniel Keyes: Blumen für Algernon. Aus dem Amerikanischen von Eva-Maria Burgerer. Klett-Cotta, Stuttgart 2006, 298 S., 19,50 ISBN: 360893782X